Das Büro für Wunsch-Werte in der Oststadt von Hannover (2018)

Das Büro für Wunsch-Werte eröffnete vom 1.-26.10.2018 im Foyer des Pavillons Hannover, um die Hannoveraner Oststadt in einer performativen Stadtteil-Statistik-Aktion unter die Lupe zu nehmen. Das Büro erforschte im Rahmen täglicher Bürozeiten gemeinsam mit Anwohner:innen und Passant:innen das Potenzial von Zahlen für Erzählungen der Oststadt. Oststädter:innen, Hannover-aner:innen und andere Passant:innen waren eingeladen, Aufträge für Zählungen im Stadtraum zu geben, Daten selbst zu erheben und ihre persönlichen Statistiken zusammenzustellen. Die Ergebnisse der Zählungen wurden im Pavillon Hannover ausgestellt und in einer Pressekonferenzperformance veröffentlicht.
Der Bürobetrieb fand im Rahmen von KOMPLOTT – Neue Kollaborationen III, einem Residenzformat für junge Theatermacher:innen des Theaters im Pavillon statt.

Auf dieser Seite findet ihr unsere Zählgebiete, die Daten und ganz unten erfahrt ihr über das Büros für Wunsch-Werte allgemein.

Kurzinfos

Wann: 1.-26. Oktober 2018
Wer: Judith Ph. Franke, Jonas Feller, Lisa Großmann
Wo: Oststadt Hannover und Pavillon Hannover

Zählgebiete

Wir haben unsere Zählungen nicht in der kompletten Oststadt, sondern in fünf 200x200m oder 2 ha großen Quadranten durchgeführt. Diese Quadranten waren jeweils stellvertretend für einen Bereich der Oststadt. Diese Bereiche haben wir im Gespräch mit Passant:innen und Anwohner:innen und mit einer Oststadtkarte und Stiften herausgefunden. So wurde beispielsweise der Bereich um die Lister Meile als „Flaniermeile“, „angenehmer Ort“ festgestellt oder der Bereich um die Musikhochschule im Süden der Oststadt als „Musikerviertel“. Diese Bereiche haben wir in Quadranten eingeteilt und jeweils einen Quadranten aus jedem der fünf Oststadtbereiche für die Zählungen ausgelost.
Das waren unsere Zählgebiete:

Grundlage dieser von uns bearbeiteten Karte ist Open Streetmap © OpenStreetMap-Mitwirkende

Daten

In der Hannoveraner Oststadt haben wir vom 1.-18. Oktober 2018 Zählwünsche von Passant:innen durch Zählungen im sichtbaren, riechbaren und hörbaren öffentlichen Raum bearbeitet. Die folgenden Daten sind alphabetisch sortiert, die in der Spalte „Gesamt“ durch Hochrechnung der Ergebnisse aus den einzelnen Zählgebieten für die gesamte Oststadt ermittelt. Eine Legende findet ihr unter der Tabelle.

ZählwunschZähl-gebiet 1Zähl-gebiet 2Zähl-gebiet 3Zähl-gebiet 4Zähl-gebiet 5Gesamt (Hoch-rechnung)
Abgestellte Fahrräder 312208601561383670,8
Anschlussmöglichkeiten für Fahrräder5465105152974,4
Anteil beleuchteter Fenster am Morgenn.e.15,5%n.e.n.e.n.e.
Anteil der Fußgänger:innen, die ihr Smartphone nutzen11,19%n.e.13,33%n.e.16,55%13,69%
Anteil der Menschen, die nicht allein unterwegs sind46,15%25,88%29,63%n.e.n.e.33,89%
Anteil der PKW, in denen 2 oder mehr Personen sitzenn.e.23,14%n.e.n.e.n.e.
Anteil Gewerbe/private Nutzung39/5723/6334/3826/2833/30651/991,2
Bäume44n.e.12n.e.60812
besonders kleine Fenster501064342911394,4
Cafés6100558,8
Familien im öffentlichen Raum4072124273
Fahrradfahrer:innen pro Minute4,221,671,82,41,492,32
Fußgänger:innen pro Minute16,181,871,93n.e.2,495,61
Geschwindigkeit Autos14,4 km/h35 km/hn.e.25,5 km/h31 km/h26,42 km/h
Geschwindigkeit Fußgänger:innen (z.T. früh und später am Tag)4,1 km/h (früh)
4,9 km/h (später)
5,3 km/h
(früh)
5,1
km/h
(später)
n.e.4,6 km/h5,1 km/h
(später)
4,85 km/h
Geschwindigkeit Radfahrer:innen (z.T. an zwei Tagen gezählt)13,2 km/h
15,8 km/h
14,1 km/h
16,4 km/h
n.e.9,2 km/h18,6 km/h14,55 km/h
Hundehaufen6n.e.12n.e.n.e.
Kinder alleine unterwegs1300121
Kioske6105216,8
Kleine Läden/Ketten27/44/05/06/33/1189/33,6
Kosmetikstudios1100112,6
Kraftfahrzeuge pro Minute2,646,719,473,094,45,26
Litfaßsäulen1111121
Mauersegler000000
Menschen mit Hilfen5101029,4
Menschen mit Musikinstrument0010316,8
Neueröffnungen/
Geschäftsaufgaben
0/10/00/00/00/00/4,2
öffentliche Mülleimer2284145222,6
öffentliche Sitzbänke10300471,4
Orte, an denen der Innenraum nach außen dringt56n.e.26n.e.35882
Orte, an denen Musik zu hören ist4122246,2
Parkplätze1182101861342123612
Plakatwerbeflächen (offiziell/inoffiziell)90
(37/53)
13
(5/8)
10
(5/5)
35
(23/12)
30
(22/8)
747,6 (384,4 / 361,2)
QR-Codes587483823730,8
Sanierungen (Häuser)5131042
schlafende Menschen im öffentlichen Raum2001010,5
Sitzbänke (öffentlich, fest)10300471
Sperrmüll auf der Straße1031229,4
Spielplätze0111012,6
Stellen mit Uringestank2264267,2
Straßen mit Kopfsteinpflaster3200229,4
Verbotsschilder6527304222781,2
weiße reflektierende Flächen4664412760999,6
zurückgrüßende Menschen59,5%n.e.77,8%n.e.65,8%67,7%
„Zu Verschenken“-Orte020008,4
n.e. = nicht erhoben; – = von Daten aus > 2 Zählgebieten wurde kein Durchschnittswert ermittelt

Über das Büro für Wunsch-Werte

Stadtteile sind in Politik, Medien und Wirtschaft oftmals Zahlen und Werte, Mengen und Relationen: Demografie, Bevölkerungsanteile oder Durchschnittseinkommen – Funktional und nüchtern schaffen sie in Relationen zu anderen Zahlen und Werten ein Image: Die Prozentsätze und Diagramme werden zu Repräsentationen des Stadtteils und seiner Bewohner:innen, verdichten sich zu Mikroerzählungen (z.B. Problemstadtteil, Familienfreundliche Gegend, Szeneviertel) und ziehen oftmals Maßnahmen nach sich: Da die Polizeipräsenz erhöhen, hier ein Schild aufstellen, dort Radwege bauen und wiederum woanders Papierkörbe entfernen/aufstellen.

Dieser auf einzelne Aspekte fokussierten Erhebung – und der oft administrativ motivierten Legitimation von Maßnahmen – steht die tatsächliche Vielfältigkeit eines Stadtteils gegenüber. Welche alternativen Mikroerzählungen lassen sich finden? Welche Zahlen müssen erhoben und mit welchen anderen in ein Verhältnis gesetzt werden, damit sich die Lebensrealität des öffentlichen Raumes eines Stadtteils abbildet? Wie lässt sich diese Lebensrealität abbilden? Welches neues Image kann durch andere Zahlen und Vergleichswerte entstehen und in welches Verhältnis setzen sich die Bürger:innen zu den so neu geformten Repräsentationen?

Das Büro für Wunsch-Werte fragt nach dem performativen Potential von Zahlen und quantitativen Werten für die Partizipation von Menschen an Gesellschaft und ihrem Stadtraum. Ausgehend von einer Kritik an Rechercheprojekten, die die persönlichen Geschichten von Menschen sammeln, verkürzen, neu kontextualisieren und sie so zu ihren Zwecken entwenden, möchten wir herausfinden, ob und wie ,anonyme‘ Zahlen und Werte andere Effekte erzielen und was sie erzählen. Neben dieser inhaltlichen Dimension widmet sich das Büro dem künstlerisch-theatralen Umgang mit und der Umnutzung von Zahlen, Zählen und Statistik/-methoden: Welche performative, politische, emanzipatorische Kraft entwickeln welche Kombinationen von Zahlen und Fragestellungen und welche Rolle spielen dabei Visualisierung und Sprechakt? Wie können quantitative Werte performt werden? Welche alternativen ErZählungen können über andere Werte als Einwohnerzahlen, durchschnittliches Einkommen etc. von Stadtraum entstehen? Welche Erzählungen entstehen, wenn Zahlen von Künstler:innen, Anwohner:innen und Passant:innen erhoben und zu eigenen Statistiken zusammengefügt werden? Was wird dann wichtig?

Im gemeinsamen ErZählprozess wird ein neuer Blick auf den Stadtraum entwickelt: Was ist in einem Stadtteil sichtbar, fühlbar, zählbar? Wer oder was ist präsent? Wer oder was nicht? Wer und was soll präsent sein; wie stellen wir uns den gemeinsamen Stadtraum vor? Wie können wir unsere Gefühle (Angst im Dunkeln durch bestimmte Straßen zu gehen, Freude durch die Allee zu spazieren, Stress durch die Fußgänger:innenzone zu hetzen) in Zahlen bringen? Wie nutzen wir den Stadtraum und welche Visionen haben wir von unserer Nutzung und der Gestaltung? Künstlerisch werden Daten und Statistiken zu kreativen Stadtteil-Erzählungen in verschiedenen Formaten (Performance, Ausstellung, Gesprächsformate) verdichtet.

Als performativen Stadtraumintervention widmet sich das Büro gemeinsam mit Passant:innen, Anwohner:innen, Zuschauer:innen und Workshopteilnehmer:innen diesen Fragen. Die durationale Performance greift in den Stadtraum ein und macht ihn für Zuschauer:innen greifbar.